In einer Welt von hochglanzpolierten Instagram-Feeds, KI-generierten Gesichtern und glattgebügelten Corporate-Statements passiert gerade etwas Merkwürdiges: Wir sehnen uns nach Fehlern.
Je perfekter eine Marke auftritt, desto lauter flüstert eine Stimme in unserem Hinterkopf: “Das ist doch bestimmt nicht echt.” Wenn wir etwas als “zu perfekt” wahrnehmen, dann kommt sofort der Gedanke, dass es “Fake” sein muss. Es kommen Kommentare wie, “KI-generiert!” oder “Wer’s glaubt…” Wenn du viel Arbeit in deinen Markenauftritt steckst, dann kann das ganz schön verletzend sein. Nutze die richtige Dosis an Imperfektion, um deine Marke glaubwürdiger zu machen.
Wie man als Mensch menschlich wirkt
Hast du dich schonmal gefragt, warum berühmte YouTuber kleine billige Mikrofone in der Hand halten und vielleicht sogar ihre Videoqualität extra herunterregeln? Klar, weil sie so authentischer und nahbarer wirken und weil das ankommt. Im Zeitalter von KI freut man sich auch weniger über den hundertsten perfekten Blogbeitrag zum selben Thema. Man freut sich, wenn man einen kleinen Rechtschreibfehler entdeckt, weil man dadurch echte Menschen am anderen Ende vermutet. Wer hat sich noch nie über perfekt automatisch generierte, aber nichtssagende Service-Antworten geärgert? Wer hat noch nie an der makellosen 5-Sterne-Bewertung eines Unternehmens gezweifelt? In unserer Zeit macht der Mensch und sein echter Charme, seine echte Meinungsäußerung den Unterschied, der zählt. Es ist besser, eine provokante Meinung zu haben als glattgebügelt und austauschbar zu sein. Es ist besser, wieder echt menschlich zu wirken. Ein bisschen haben wir das in den letzten Jahren allerdings verlernt.
Die Psychologie dahinter: Der Pratfall-Effekt
Der sogenannte Pratfall-Effekt besagt, dass die Sympathiewerte einer kompetenten Person (oder Marke) steigen, wenn sie einen kleinen Fehler begeht. Perfektion schüchtert ein. Kleine Makel machen eine Person einfach sympathischer. Ein Mensch, der niemals stolpert, wirkt unnahbar, fast roboterhaft. Eine Marke, die keine Ecken und Kanten zeigt, wirkt austauschbar.
Heute müssen wir diesen Effekt allerdings weiter denken. Das Experiment, welches ihn entdeckte, hat nämlich bereits in den 1960er Jahren stattgefunden, in einer Zeit ohne extreme Manipulationen der Realität in Bildwelten, ohne Photoshop, ohne KI, ohne flächendeckenden Internetzugang. Chroma Keying wurde in der Filmindustrie bereits eingesetzt, allerdings mit großem Produktionsaufwand und nicht für jedermann zu Hause einfach anwendbar. Die Glaubwürdigkeit von Bildern als “Beweismaterial” für Realität begann sich schon mit diesen Filmtricks zu wandeln, allerdings noch nicht so rasant wie in den letzten Jahren.
Der Verlust der Glaubwürdigkeit hebt auch den Pratfall-Effekt auf eine neue Ebene. Nicht nur der menschliche Fehler wirkt jetzt sympathisch, auch der Bildfehler oder der Textfehler sorgen für eine Assoziation von “Echtheit”, wenn alles erstmal als “Fake” eingestuft werden muss.
Warum strategische Imperfektion hilfreich sein kann
1. Der KI-Filter-Effekt
Perfekte Texte und makellose Bilder sind für jeden nur noch einen Klick entfernt. Perfektion ist billig geworden. Wenn alles perfekt aussieht, verliert das Auge den Halt. Authentizität hingegen lässt sich nicht per Prompt generieren, sie muss gelebt werden und wer kleine Fehler macht, wirkt authentisch.
2. Fehlende Identifikationsfläche
Menschen identifizieren sich nicht mit Idealen, sondern mit Kämpfen und Lösungen. Eine Brand, die zugibt, dass ein Prozess schwierig war oder die einen Blick hinter die Kulissen (inklusive Chaos) gewährt, bietet eine Projektionsfläche für echte Emotionen.
3. Die Angst vor der „Marketing-Falle“
Kunden sind heute vorbelastet und suchen aktiv nach “Fakes” und leeren Versprechungen. Ein überretuschiertes Produktbild oder eine zu glatte Werbebotschaft triggert sofort den Abwehrmechanismus: „Das ist zu schön, um wahr zu sein.“ Imperfektion wird als Beweis für Echtheit gewertet.
Warum übertriebene Makel nicht immer gut sind
Jetzt denkst du vielleicht: “Ich baue also einfach absichtlich ein paar Fehler ein und mache meine Marke so glaubwürdig und nahbar.” Das wirkt im Sinne des Pratfall-Effekts logisch und verlockend, kann aber auch schnell nach hinten losgehen, wenn du es übertreibst und man dir auf die Schliche kommt. Nobody is perfekt, als lässt sich für menschliche Fehler bestimmt eine echte Grundlage finden, die sofort glaubwürdiger erscheint als eine erfundene Geschichte. (sofern du nicht echt gut schauspielen kannst) Man kann sich durchaus entscheiden, einen Tippfehler im Dokument zu belassen oder ein leicht verschwommenes Bild zu verwenden. Vielleicht steht auch im Hintergrund etwas herum oder dein Model hat einen Pickel. Man muss es nicht unbedingt wegretuschieren. Bedenke aber, dass der Pratfall-Effekt nur eintritt, wenn du ansonsten Professionalität ausstrahlst. Menschen oder Marken, die ständig in Fettnäpfchen treten, werden schnell als unprofessionell wahrgenommen. Schon im Experiment 1966 profitierte nur das Image von kompetenten Personen, das der inkompetenten litt unter dem Fehler sogar noch mehr. In den 1970er Jahren (Helmreich, R., Aronson, E., & LeFan, J.) wurde außerdem festgestellt, dass das Selbstbewusstsein einer Person einen Einfluss auf den Effekt hat. Wenn jemand besonders viel oder besonders wenig Selbstbewusstsein hat, dann kommt es nicht zum Pratfall-Effekt und Personen, die alles richtig machen, werden besser bewertet. Du kannst also mit kleinen Fehlern nicht jeden überzeugen.
Zurück zur bewussten Übertreibung von Makeln: Auf Social Media gibt es sogar den Trend, aus der Imperfektion direkt eine Influencer Brand Identity zu kreieren. Man versucht sich besonders schlecht darzustellen, um Likes für den “Mut” zu generieren. Das funktioniert vor allem bei körperlichen Makeln, mitunter aber auch bei psychischen Problemen und Krankheiten. Der Algorithmus fördert den Pratfall-Effekt. Wer ein bisschen schockiert, bekommt Engagement und damit eine bessere Reichweite. Influencer wählen dafür z.B. eine besonders unvorteilhafte Pose oder strecken den Bauch absichtlich ganz weit heraus. Authentisch ist das natürlich nicht. Das ein oder andere Like kannst du mit dieser Fake-Authentizität aber erzielen. Als Unternehmen solltest du auf solche Übertreibungen besser verzichten, um nicht verzweifelt zu wirken.
Wie du Imperfektion strategisch in dein Branding einbaust
Es geht nicht darum, schlampig zu sein. Es geht um „Curated Imperfection“ – die bewusste Entscheidung gegen die sterile Perfektion.
- Visuelle Brüche: Nutze im Design handgezeichnete Illustrationen, analoges Filmkorn oder ungewöhnliche Typografie. Diese Elemente wirken menschlich.
- Raw Content: Ein kurzes, ungeschnittenes Video aus dem Arbeitsalltag schlägt den teuren Imagefilm in Sachen Engagement oft um Längen.
- Ehrliches Storytelling: Erzähle nicht nur von deinen Erfolgen. Erzähle von den Fehlern, aus denen du gelernt hast. Das schafft Glaubwürdigkeit.
- Sprache mit Charakter: Verzichte auf Corporate Buzzwords. Schreibe so, wie du mit einem guten Freund in einer Bar sprechen würdest.
Mut zu Ecken und Kanten
Makellosigkeit ist sicher, aber austauschbar. Wenn du willst, dass deine Marke im Gedächtnis bleibt, musst du ihr erlauben, menschlich zu sein. Imperfektion ist keine Schwäche, sondern ein Signal für Selbstbewusstsein. Wer sich traut, nicht perfekt zu sein, signalisiert: „Wir sind echt. Wir sind hier und wir haben Charakter.“
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